Einführung
Eine Sage aus Ägypten erzählt, dass Theuth, der ägyptische Gott der Weisheit,
einmal vor den Pharao trat, um seine neueste Erfindung zu präsentieren. Der Pharao wollte nämlich alle Erfindungen zunächst
auf ihren Nutzen prüfen, bevor er sie allen Ägyptern zugänglich machte. Nachdem Theuth bereits die Mathematik und Astronomie erfunden hatte, wollte
er den Pharao nun auch vom Nutzen der Buchstaben und der Schrift überzeugen: „Diese Kunst, o Pharao, wird die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis verbessern!“
Doch der Pharao blieb skeptisch und entgegnete: „O kunstreicher Theuth, genau das Gegenteil wird die Schrift bewirken: Wer sie anwendet, dem pflanzt sie durch Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergesslichkeit in die Seele, weil er auf die Schrift vertraut und nicht aus sich selbst heraus Erinnerung schöpft. Wer vieles liest, der hält sich für einen Vielwisser, ist aber doch ein Nichtwisser, wenn er es ohne Erklärung liest.“ Im Vergleich mit seinem ägyptischen Pendant hat Hermes die Schrift nicht nur erfunden, sondern bürgt auch dafür:
Mit seinen geflügelten Sandalen (talaria) und seinem Flügelhelm (petasos) ist er sofort zur Stelle und steht jedem bei,
der beim Übersetzen seine Hilfe braucht. Oder wie Platon es ausdrückt:
Ἀλλὰ μὴν τοῦτό γε ἔοικε περὶ λόγον τι εἶναι ὁ Ἑρμῆς, καὶ τὸ ἑρμηνέα εἶναι καὶ τὸ ἄγγελον [...]
„Nun mir scheint, dass der Name Hermes etwas mit der Sprache zu tun hat, und dass er so etwas wie ein Übersetzer oder Bote ist.“ – Plato, Cratylus, 407e

Doch der Pharao blieb skeptisch und entgegnete: „O kunstreicher Theuth, genau das Gegenteil wird die Schrift bewirken: Wer sie anwendet, dem pflanzt sie durch Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergesslichkeit in die Seele, weil er auf die Schrift vertraut und nicht aus sich selbst heraus Erinnerung schöpft. Wer vieles liest, der hält sich für einen Vielwisser, ist aber doch ein Nichtwisser, wenn er es ohne Erklärung liest.“ Im Vergleich mit seinem ägyptischen Pendant hat Hermes die Schrift nicht nur erfunden, sondern bürgt auch dafür:

„Nun mir scheint, dass der Name Hermes etwas mit der Sprache zu tun hat, und dass er so etwas wie ein Übersetzer oder Bote ist.“ – Plato, Cratylus, 407e
Über das Projekt
Natürlich hat der Pharao Recht behalten – besonders in Bezug auf den Sprachunterricht:Je mehr Wörterbücher wir verwenden, desto schlechter können wir uns Vokabeln merken. Je mehr Worthilfen und Kommentare wir haben, desto weniger müssen wir „aus uns selbst heraus schöpfen“ und selbst nachdenken. Können wir denn nicht beides haben? Die Vorteile der Medien nutzen ohne dabei den Anspruch beim Übersetzen aufzugeben?
Durch die Arbeit mit Hypertext in digitalen Medien wird dies möglich: Durch hermeneus soll Schülerinnen und Schülern und Interessierten ein Zugang zu lateinischen Originaltexten mit möglichst vielen Hilfestellungen ermöglicht werden, ohne den Leser dabei (wie in vielen modernen Lektüreausgaben) mit Hilfestellungen zu überfrachten.
Mit hermeneus soll eine Editionsplattform entwickelt werden, auf der Lehrpersonen zusätzlich zu den bereitgestellten Materialien eigene lateinische Texte aufbereiten, individualisieren und mit zusätzlichen Hilfestellungen versehen können.
hermeneus versteht sich weiterhin als Ideenplattform für einen sinn- und anspruchsvollen Einsatz digitaler Medien im Lateinunterricht. Unter dem etwas abgedroschenen Schlagwort "Digitalisierung" sind im Bildungsbereich bisher meist Lernspiele- oder Apps entstanden, die den Unterricht in einigen Fällen ergänzen können. Mit hermeneus will ich digitale Lösungen für Grundelemente des Lateinunterrichts (z.B. lateinische Lektüre) entwickeln, die dann die analoge Methoden ersetzen können.